Kulturelle und nationale Identität versus Assimilationsdruck.

Integrations-Debatten

Nationale Politik

Kulturelle und nationale Selbstbestimmung der europäischen Türken

Von der Schriftenreihe

Demokratie und ihre Grenzen

Ercan Karaduman

03. April 2017

Das Problem in der zwischenmenschlichen Kommunikation, wie auch der Verständnisfehler zur kulturellen Identität der Türken, liegt vor Allem in der fest eingefahrenen Erwartungshaltung der Europäer. Der Türke richtet sich nicht nach der europäischen Erwartungshaltung, sondern nach seiner Selbstbestimmung. Europa hat niemanden zu erziehen und niemanden zu konditionieren. Das Gastarbeiter-Abkommen berechtigt Österreich und Deutschland nicht mit einem “Konditionierungsrecht” über Türken. Aber außerhalb des Ankara-Protokolls gilt das natürlich auch für Menschen anderer Herkunft. Europa hat kein Recht die Türken oder die Muslime von oben herab zu beurteilen in ihrer persönlichen Entwicklung, oder in irgendeiner Weise zu bewerten! Schon gar nicht zu diskreditieren oder zu diffamieren! Das haben diese beiden Länder allerdings bei Christen und Juden auch nicht! Denn es ist eine Anmaßung sondergleichen, und greift in das Selbstbestimmungsrecht des Individuums ein. Niemand sollte dem anderen die Identität absprechen. Jeder sollte sie so ausleben, wie es einem gefällt.

Deutsche oder österreichische Kommentatoren in Foren erwarten sich mit dahingehenden Argumenten, wie unten hervorgehoben, eine assimilative Überlieferung ihrer selbst an Deutschland oder Österreich. Ich kann dahingehend beruhigen, dass weder Kurden noch Türken das Erwartete zur Gänze tun werden. Anschließend hebt Frank Müller seine Identität gegenüber der Identität der Türken hervor. Als gelte eines mehr als das andere?

Frank Müller Kommentar
Quelle: Frank Müller Kommentar am 03.04.2017: https://www.youtube.com/watch?v=4tz7xQu0Xp4

Es ist ein großer Schritt zu viel, indem versucht wird den Menschen vorzugeben, wie sie sich zu fühlen haben! Niemand ist dazu angehalten sich so zu fühlen, wie Deutsche oder Österreicher es erwarten, nicht einmal die eigenen Familienmitglieder, die einem am nächsten sind.

Deutsche und Österreicher, die nach Amerika, Thailand oder in ein anderes Land auswandern, bauen sich als erstes dort eine entsprechende Bierbude nach deutschem Modell auf, und führen dort das panierte Schnitzel ein. Sie bleiben auch gern unter sich, weswegen sie deswegen nicht in die Worthülse der Parallelgesellschaft gedrückt werden. Sie gründen dort deutsche oder österreichische Vereine, treffen sich wöchentlich zum Stammtisch, um von der Heimat zu reden, weswegen ihnen dort niemand zum Vorwurf macht, sie würden von Frank Walter Steinmeier oder von Alexander Van der Bellen fremdbestimmt werden. Das machen die Menschen aus eigenen Interessen. Ganz einfach. Sie gehen gemeinsam bei einer Wiener Melange oder bei einem Seidel Bier die deutschen oder österreichischen Tageszeitungen durch, und kommentieren die politischen Prozesse im Ursprungs-Heimat, weswegen niemand dort behaupten würde, sie ließen sich von Österreich oder Deutschland politisch lenken. Wenn schon, was wäre dabei so prekär? Um ihre Kultur nicht zu verlieren, veranstalten sie Veranstaltungen a la Musikantenstadl und beherzigen den Wert ihrer gewohnten Volksmusik jetzt in der Fremde ein wenig mehr, als bevor sie noch aus der Heimat ausgewandert waren. Um die nationale Identität und die kulturelle Bindung zum Vaterland nicht zu verlieren, hängen sie deutsche oder österreichische Fahnen an ihre Bierlokale im Ausland auf, und gründen österreichische oder deutsche Kulturvereine. So verhalten sich deutsche oder österreichische Auswanderer. Sie suchen ihresgleichen, und der gemeinsame Nenner ist die mitgebrachte Kultur, die zurückgelassene Heimat, und die politischen Prozesse in der Heimat um der Heimat. Alles legitim und in keinster Weise gefährlich oder unanständig. Doch der Deutsche oder der Österreicher möchte das mit der Führung der Politik dem Türken nicht gewähren, was er für sich im Ausland zu beanspruchen weiß. Und genau das ist die Arroganz in Europa!

Und ich als Türke sage Ihnen in meiner Einstellung kontrovers zu der arroganten Einstellung jedweder Österreichern und Deutschen mit dem Assimilationsdruck gegenüber Türken im Fundament. Ja, genau das, was ich da oben beschrieben habe solle sein und solle gelebt werden. Genau das solle passieren, und niemand solle von seiner Kultur, Sprache, Religion, nationalen Identität abgeschnitten werden, denn jede Politik und jede gesellschaftliche Massenhaltung, welches sich in diese Richtung bewegt, um das “Kulturelle Kapital” des Menschen anzugreifen und vom Individuum zu trennen zu beabsichtigen versucht, oder obendrein mit staatlichen Machtstrukturen wie Gesetze zu unterbinden versucht, haben faschistische Züge an sich, welche sich zusätzlich durch gleichdenkende Abgeordnete über das Parlament mit einem Gesetz legitimiert lässt. Das ist gefährlich und greift die Freiheit des Menschen in seiner Religionsausübung oder beim Sprechen der Muttersprache an.

Konsekutive Deklarationen unten sollen bitte nicht als ein persönlicher Angriff gegenüber Personen verstanden werden. Ganz und gar nicht, sondern eher als ein Fokus auf den allgemeinen sozialen Habitus der politisch manipulierten Gesellschaften in Deutschland und in Österreich erkannt werden, welches sich langsam aber gezielt durch die eigene nationale Politik langsam aber zügig im Land etabliert. Hierzu werden für die Gehirnwäsche und Aufbereitung der Haltung des demokratischen Potentials in Österreich und in Deutschland in erster Linie die Gratis-Boulevard-Zeitungen mit Anzeigen und Presseförderungen finanziert, und danach sich diese als der Mainstream in kostenpflichtigen Vorzeigeblättern verwurzelt. Am Anfang bashen Anfängerjournalisten im Gratis-Boulevard gegen die Türkei und gegen Russland, ohne zu wissen, warum sie das tun, um danach von “seriösen” Chefredakteuren und von “seriösen” Zeitungen thematisch übernommen zu werden. Seriosität ist diskutierbar.

Und genau das unterscheidet beide Völker. Der Türke in seinem sozialen Habitus, hat kein Problem damit den Menschen ihre kulturelle Identität zu gewähren, egal woher sie kommen mögen, und in welchem Land sie sich niederlassen wollen. Das ist eine kosmopolitische Einstellung auf der Achse der Kulturenwertschätzung, womit tatsächlich das Leben der Menschen aufgewertet werden kann, wie auch diese Einstellung sich in ihrer Daseinsberechtigung im eigenen Fundament sinnvoll in diese Richtung deklariert, während arrogante Deutsche oder Österreicher sich in ihrer obigen Erwartungshaltung komplett konform dem angestrebten Potential der europäischen Mainstream-Medien verhalten, welche die unannehmbaren Werte der staatlich angelegten penetranten Assimilationspolitik als mediales und öffentliches Druckmittel der europäischen Maßregelung für anscheinend desintegrierte Türken hervorkristallisiert und sich schleichend versucht in die deutsche oder österreichische Gesellschaft einzubringen.

Betrachten wir die Sache aus der Geopolitik:

Es wäre viel zu Schade für die autochthone österreichische und deutsche Gesellschaft und ihre Sozialität, wenn sich diese im Tauziehen um der Machtpolitik zwischen europäischen Nationalstaaten und der Türkei am internationalen Parkett in deren Kampf um die Ressourcen oder um den dominanteren politischen Einfluss im Nahen Osten, sich in der Rhetorik der eigenen Außenpolitik so dermaßen verfängen und instrumentalisieren ließen, sodass sie einen blinden Fleck dabei produzieren und im Interesse der globalen Politik die geostrategische Schlüsselposition der Türkei nicht erkennen mögen.

Hierbei geht es auch nicht weniger um günstigere Verhandlungspositionen im eigenen Interesse der Einzelstaaten zu den multinationalen Verhandlungen, um der Aufteilung der Kosten und der zukünftigen politischen Einflussfaktoren in der Energieversorgungssicherheit für Europa, wo das russische Gas, gefördert von Gazprom über die Pipeline “Turkish Line” schlussendlich in Baumgarten/Österreich landet.

Und genau darum geht es hier. Da hat Russland und die Türkei das sagen um der Energieversorgunssicherheit Europas. Nicht Europa selbst als abhängiger Abnehmer des russischen Gases. Weder Deutschland als EU-Anker, noch Österreich mit Baumgarten als die Mündung der Pipeline. Und das ist sowohl für die EU als auch für Österreich unerträglich, nicht mitbestimmen zu können, geschweige denn überhaupt vorgeben zu können, unter welchen Bedingungen das abzulaufen hat. Das bestimmen die Türkei als Transitland und Russland als der Förderer des russischen Gases gemeinsam.

Da kann noch soviel über Menschenrechte und andere vorgehaltene Politik oder kulturelle Werte diskutiert werden. Das ist alles nur Larifari und deswegen vorgeschoben, damit die nationale Außenpolitik nicht erklären muss, dass sie gerade sehr schwierige Karten gegen Erdoğan und Putin in den Verhandlungen haben, und auf deren Bedingungen eingehen müssen. Schlussendlich muss das der europäische Steuerzahler stemmen. Und genau das, können nationale europäische Politiker ihrer Bevölkerung nicht zu erklären versuchen. Denn das wäre dann ein Skandal und eine große Schwäche als ein europäisches Land, zugeben zu müssen, dass die inszenierte Macht der EU, eigentlich gar keine globale Politik effizient mitbestimmen kann.

Dass sogar die Energieversorgungssicherheit Europas in den Händen von Erdoğan und Putin liegt, produziert eine unannehmbare Position und Situation für Deutschland und Österreich, womit sie nun den Anschluss für das Türkei- und Russland-Bashing in den europäischen Medien haben, womit auf eine kindische Art versucht wird, diese beiden Machtpolitiker zu dämonisieren gegenüber ihren eigenen Wählern. Aber sowohl die Russen als auch die Türken sind gewarnt und wissen über die Absichten und dem politischen Doppelspiel der europäischen Länder bescheid.

Was bleibt, ist die fehlende Sympathie zueinander aufgrund mangelnder Empathie, was die Politik und die Medien in Österreich und in Deutschland definitiv zu verantworten haben.

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